Der Salone del Mobile ist einzigartig.
Das weiß man spätestens wieder, wenn man in Rho-Fiera Milano aus der überfüllten Bahn steigt, sich mit der Menschenmasse in Richtung Messeeingang treiben lässt und die fast fieberhafte Vorfreude spürt. In der norditalienischen Metropole wird Design gelebt wie nirgendwo sonst. Die neuen Modelle der Unternehmen werden inszeniert wie Kunstwerke und gefeiert wie Popstars. Das war beim letzten Trendbericht 2022 nicht anders als im Jahr 2026. Dabei haben sich die Vorzeichen durchaus geändert. 2022 hatten wir das Gefühl, alles sei möglich. Die Pandemie war vorbei. Die Branche kam mit einer munteren „Playful Diversity“ aus der Krise, einer Vielfalt an Stilen, die zwar alle nicht neu waren, aber in ihrem Nebeneinander ein buntes Mosaik ergaben. Doch auf die kurze Zeit des Aufbruchs folgten die nächsten Dämpfer und auch jetzt, vier Jahre später, ist der Wunsch nach Sicherheit omnipräsent.
An der Oberfläche spürt man das in Mailand kaum. Die Designfans drängeln sich nicht nur auf der Messe, sondern auch in den Showrooms in der Innenstadt oder im Design-Hotspot Brera. Die Schlangen vor manchen Ständen sind so lang, als gäbe es gratis iPhones. Überall gibt es etwas zu entdecken: KI-Kunst im Palazzo, Kapitalismuskritik als Totem-Installation auf der Straße, eine spannende Ausstellung auf dem Messegelände, die Möbel- und Modeklassiker in Verbindung bringt. Design, Kunst und Lebensart verschmelzen in der Salone-Woche zu einer Feier des Möbels, in der jede Krise schnell in Vergessenheit gerät.
Aber was ist nun übriggeblieben von der Playful Diversity aus der Post-Corona-Zeit? Gibt es wieder einen roten Faden? Wir finden schon und in diesem roten Faden zeigt sich auch, dass die vergangenen vier Jahre nicht ganz spurlos am Möbeldesign vorbeigegangen sind.
Und damit wünschen wir Ihnen viel Spaß bei der Lektüre des GRASS Milano Trendreports 2026!
Grounded Comfort
No Place Like Home: Aus Playful Diversity wird Grounded Comfort.
„Form follows feeling“ – wer sich die Designtrends über die Jahrzehnte anschaut, wird feststellen, dass die Form neben der Funktion auch immer dem Gefühl einer Epoche folgt. Das gilt für die utopische Aufbruchsstimmung der 1960er-Jahre mit ihren weichen Formen und knalligen Farben genauso wie für die schwarz-weiß verchromte No-Future-Attitüde der 1980er. Vor vier Jahren war in Mailand ein großes Nebeneinander zu bestaunen: „Playful Diversity“ hieß das im GRASS Trendreport zur Milan Design Week 2022. Vier Jahre später wird es Zeit für eine neue Bestandsaufnahme – und bei allem Trubel in und um die Stadt ist schnell klar: Es ist ruhiger geworden.
Dabei ist das Design nicht mutlos, nicht arm an Ideen. Es ist geerdeter. 2022 war alles möglich. Minimalismus und Maximalismus, Natürlichkeit und Artifizialität, matte Farben und folkloristische Opulenz standen nebeneinander und ergaben einen polymorphen Zeitgeist. 2026 ist diese Vielfalt nicht verschwunden, doch von dem großen Trend-Blumenstrauß sind vor allem die geerdeten, krisenfesten Varianten übriggeblieben. „Playful Diversity“ hat sich zu einer warmen, ruhigen, detailverliebten Wohnlichkeit entwickelt, zu einer Art geerdetem Komfort, Grounded Comfort. Die Qualität zeigt sich hier eher auf den zweiten Blick und macht das Zuhause in Zeiten permanenter Unsicherheit zu einem verlässlichen Ort.
Grounded Comfort
Die Welt bleibt unruhig. Das Zuhause reagiert.
Die Gründe für diese Entwicklung liegen auf der Hand. Seit 2022 ist die Welt nicht einfacher geworden. Im Gegenteil: 2026 ist Ausnahmezustand der Normalfall. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind nicht leichter, die Zukunft nicht berechenbarer. Vielleicht ist genau deshalb das Zuhause so wichtig geblieben. Während der Pandemie war es gezwungenermaßen Arbeitsplatz, Restaurant, Rückzugsort, Klassenzimmer und Bühne des privaten Lebens. Man hätte annehmen können, diese Verdichtung würde sich wieder auflösen, sobald die Welt sich öffnet. Doch die eigenen vier Wände haben eine neue Relevanz gewonnen, die nicht mehr nur pandemisch erklärbar ist. Das ist kein Widerspruch zur schwachen Nachfrage, sondern die eigentliche Spannung der Gegenwart: Das Zuhause wird emotional wichtiger, während die Bereitschaft zu großen Investitionen schwächelt. Die Möbelbranche reagiert darauf nicht mit lauter Verführung, sondern mit einem Versprechen von Ruhe, Wertigkeit und Beständigkeit.
Keine Revolution, aber eine logische Entwicklung.
Die große Geste ist zwar nicht ganz verschwunden, sie ist angesichts der turbulenten Zeiten nur introspektiver geworden. Wie auch 2022 ist die große Designrevolution ausgeblieben. Gleichzeitig ist aber die Bedeutung des persönlichen Raums weiter gestiegen: „Wenn draußen vieles kompliziert ist, wird das Zuhause noch wichtiger“, sagt Giuseppe Bincoletto von Arrital. Grounded Comfort ist kein Rückzug aus der Welt. Grounded Comfort ist der Versuch, der Unbeständigkeit einen Ort entgegenzusetzen, der Bestand hat, der über Jahre funktioniert, der sich gut anfühlt. Und das ist keine kleine Aussage. Es ist vielleicht die wichtigste Botschaft aus Mailand 2026.
Was von Playful Diversity übrigblieb.
Was Playful Diversity auszeichnete, war die Vielfalt, die verspielte Beliebigkeit, das Anything Is Possible, in dem ein Nebeneinander unterschiedlichster Stile für einen manchmal verwirrenden roten Faden sorgte: Maximalismus, Vertical Patterns, Muted Colors, Wabi Sabi, Outside in, Worktop Shelves, Seethrough Fronts und Supplementism waren die Subtrends im Trendreport 2022. 2026 sind nicht alle dieser Beobachtungen nicht verschwunden, doch ihre Energie hat sich verändert.
Entdecken, was morgen bewegt.
Fünf Trendscouts. Eine Stadt voller Ideen. Eine Mission.
Zwischen Handwerkskunst und Hightech, Natürlichkeit und Ausdruckskraft wurde deutlich: Design ist mehr als Ästhetik. Es schafft Atmosphäre, weckt Emotionen und verändert die Art, wie wir leben. Die Milan Design Week und der Salone del Mobile sind Orte des Entdeckens, Wiederentdeckens und Neuinterpretierens. Hier treffen visionäre Ideen auf traditionelle Fertigungstechniken, innovative Materialien auf vertraute Formen und italienisches Design auf internationale Einflüsse. So entstehen Impulse, die weit über die Messehallen hinausreichen und unseren Alltag nachhaltig bereichert. Dabei ist die Mode- und Designmetropole Mailand immer eine Reise wert – und die Milan Design Week verdient zweifellos einen festen Platz im Kalender aller Designbegeisterten.
Andreas Marosch (Head of Marketing)
Martin Schaefer (Text/Interviews)
Jens Ellensohn (Fotografie)
Andrea Ferrin (GRASS Italien)
Christopher Anese (GRASS Italien)
Martin Schaefer
Der studierte Jurist und Designenthusiast war
PR-Berater, Pressesprecher und freier Journalist.
Seit rund 15 Jahren begleitet er als Senior Editor
der Presseagentur GOOS COMMUNICATION die
Mobelbranche und ist zudem als TV-Autor aktiv.
Jens Ellensohn (ellensohn-fotografie.com)
Seit 24 Jahren setzen er für Kunden aus Architektur,
Industrie und Werbung Projekte in das rechte Licht.